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06/22/2026

Cie Balades Perdues - Die Gewinner des Kleinkunstfestivals Usedom

Das Kleinkunstfestival auf Usedom zählt zu den besonderen Treffpunkten der internationalen Straßenszene: Hier kommen Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern zusammen, präsentieren ihre Arbeiten und entwickeln sie im Austausch weiter. In diesem Jahr konnte besonders ein Duo überzeugen: Cie Balades Perdues wurden mit ihrem Stück ausgezeichnet! Umso mehr haben wir uns gefreut, die beiden im Anschluss an das Festival zum Gespräch zu treffen.

Inhaltsverzeichnis

Cie Balades Perdues

Hinter der Compagnie stecken Milena (Millie Turnado) und Sebastian (Sebastianos Juggler), die in ihrer Arbeit unterschiedlichste künstlerische und kulturelle Einflüsse verbinden. Sebastian, der auf über zwei Jahrzehnte Erfahrung zurückblickt, hat seine Wurzeln in Chile und wurde an der Nationalen Zirkusschule in Rio de Janeiro ausgebildet. Milena ist bereits seit ihrer Kindheit im Zirkus aktiv, absolvierte die Berliner Zirkusschule Die Etage und hat sich ganz den kreisförmigen Elementen wie Hula-Hoop, Cyr-Wheel oder dem akrobatischen Fahrrad verschrieben. Kennengelernt haben sich die beiden in Berlin, wo sie während der Pandemie begannen, gemeinsam zu arbeiten.
Seit 2020 tourt das französisch-chilenisch-deutsche Zweiergespann nun durch Europa und entwickelt eine ganz eigene, poetische Form von Straßenzirkus. Ihr aktuelles Stück IRIS entfaltet sich dabei wie ein lebendiges Haiku, geprägt von technischer Präzision, Improvisation und einem feinen Gespür für Bilder, die beim Publikum nachwirken.
Im folgenden Interview geben uns die beiden tiefere Einblicke in ihr kreatives Schaffen, das Leben auf Tour und ihre künstlerische Philosophie.

Der Festivalerfolg

Was macht eure Show so besonders, dass sie die Jury überzeugt hat?

Milena und Sebastian begegnen ihrem Erfolg mit viel Bodenständigkeit. „Um ehrlich zu sein, eine große Überraschung“, sagen sie selbst. Gleichzeitig sehen sie Preise ambivalent: „Sie geben Sichtbarkeit und helfen, gebucht zu werden, aber sie haben auch immer einen Beigeschmack.“ Konkurrenz hätten sie kaum gespürt. „Wir haben das Festival und den Preis nicht als Konkurrenzkampf verstanden, sondern vielmehr als eine Möglichkeit, Kolleg*innen kennenzulernen und von ihrer Art, Straßenshows zu gestalten, zu lernen.“
Ihre Stärke liegt für sie in ihrer eigenen Handschrift:

„Eine klassische Straßenshow-Struktur, aber viel poetischer und subtiler.“

Wie habt ihr die Atmosphäre beim Festival erlebt?

Das Festival bleibt ihnen vor allem wegen seiner besonderen Stimmung in Erinnerung. „Wir haben viele Freundinnen und Freunde wiedergesehen“, erzählen sie. Statt Konkurrenz erlebten sie vor allem „eine sehr gute künstlerische Gemeinschaft“.
Auch die Organisation war entscheidend: „Wir konnten unsere Show in Ruhe spielen, weil wir uns gut aufgehoben gefühlt haben.“ Diese Sicherheit habe ihnen ermöglicht, sich ganz auf die Bühne zu konzentrieren.

© Hermann Erber

Wie habt ihr Publikum und Verbindung während der Show erlebt?

Die Reaktionen waren offen und positiv. „Wir hatten das Gefühl, dass das Publikum unsere Show wirklich gut angenommen hat.“ Die Verbindung entsteht dabei nicht in einem einzelnen Moment. „Es geht gar nicht darum, dass man alles versteht.“ Vielmehr entwickelt sie sich über Bilder, Bewegung und Präsenz.

Die Show und Inspiration

Wie entwickelt ihr aus Technik eine so poetische Form?

„Sebastian macht seit 20 bis 25 Jahren Zirkus, ich seit meinem neunten Lebensjahr“, erzählt Milena. Entscheidend sei für sie aber gewesen, aus dieser Erfahrung etwas Eigenes zu machen. „Wie können wir Technik zeigen, die uns Spaß macht, aber auf unsere eigene Art?“ Die ersten Ideen entstanden 2020 bei Improvisationen auf der Straße, vor allem in Berlin. Dort habe sich ihre Verbindung aufgebaut und die Arbeit habe sich langsam verdichtet.
Die Show bleibt für beide ein offener Prozess. Über Residenzen und Touren sei sie weitergewachsen. „Wir wollen, dass die Straßenshow richtig gut wird, aber dass auf der Bühne weiterhin Raum für Authentizität bleibt“, sagen sie. Gerade das Spielerische und der Humor auf der Bühne seien ihnen wichtig.
Diese Offenheit zeigt sich auch auf der Bühne:

,,Wenn wir Fehler machen, nehmen wir diese mit einem schmunzeln mit in unser Spiel auf."
© Hermann Erber

Welche Rolle spielen Objekte und Bewegung für euch?

Die Requisiten sind eng mit ihren persönlichen Stärken verbunden. Sebastian arbeitet stark mit Jonglage, Milena mit Hula-Hoop, Cyr Wheel und Tanz. „Es sind unsere besten Skills“, sagen sie. Gleichzeitig gehe es nicht nur um Technik, sondern darum, mit Objekten Bilder zu schaffen. Für sie werden die Requisiten so zu einem wesentlichen Teil der Erzählung.

Wie entsteht eure Show auf der Bühne?

Eine klassische Geschichte gibt es bewusst nicht. „Der Ausgangspunkt ist nicht, dass wir klare Figuren haben.“ Stattdessen entsteht ein Raum, „an dem wir beide sein können und Zirkus machen.“ Sie arbeiten mit Gedichten, Improvisation und Sprachspielen. Dabei entsteht ein Mix aus Deutsch und Französisch, der sich jeweils dem Land anpasst, in dem sie auftreten.

„Es geht gar nicht darum, dass man alles versteht.“ Entscheidend ist vielmehr, dass Bilder entstehen, „in die man etwas reininterpretieren kann.“

Viele sehen darin eine Liebesgeschichte:

„Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass das Hauptthema Liebe ist, was für uns zunächst gar nicht so offensichtlich war. In der Reflexion stimmt das. Es geht um gemeinsames Zusammensein.“

Wie prägen eure Hintergründe eure Arbeit?

Unterschiedliche Einflüsse treffen aufeinander. Sebastian kommt aus Chile, lebt in Frankreich und hat in Deutschland eine weitere Perspektive kennengelernt. „In Chile habe ich die Technik gelernt, in Frankreich die Dramaturgie entdeckt.“
Milena nutzte Trainingsangebote in der Grainerie in Toulouse sowie im Espai de Circ de Cronopis in Mataró bei Barcelona, um sich weiterzubilden. „Das hat mir neue Wege gezeigt.“
Die Zusammenarbeit war anfangs manchmal herausfordernd. „Wir mussten vieles erst gemeinsam erarbeiten. Dabei haben uns sowohl Missverständnisse als auch die Bereitschaft, einander zuzuhören, weitergebracht.“ Auch die Sprache war eine Hürde. Heute ist das ihre Stärke:

„Wir nehmen alles mit und lassen nichts aus.“

Hinter den Kulissen und die Zukunft

Gerade sind Milena und Sebastian auf einer Straßenkunst- und Festival Tour durch Europa. Sie spielen an Wochenenden auf Straßenfestivals und Kunstfestivals in verschiedenen europäischen Städten.

Wie erlebt ihr das Leben auf Tour insgesamt?

„Neue Leute kennenlernen, neue Orte entdecken“, darin liegt für die beiden der Reiz des Tourlebens. Sebastian ergänzt, dass sie auch viel von anderen Künstler*innen lernen. Gleichzeitig sei das Unterwegssein körperlich und mental anstrengend. „Es hört eigentlich nie auf“, sagt Milena. Neben den Auftritten laufen immer auch Organisation, Kostüme und Planung weiter. Nach intensiven Phasen brauche man deshalb auch Ruhe.

Gibt es einen besonderen Moment von der Tour?

Sebastian erinnert sich an Begegnungen mit alten Bekannten aus Südamerika, die ihn noch von früher kannten. Für Milena ist vor allem die internationale Mischung besonders. „Manchmal sprechen wir drei oder vier Sprachen an einem Tisch“, erzählen sie. Genau das sei für sie typisch für die Zirkuswelt und ein Teil ihres Alltags.

© Anna Mora

Wie geht es weiter, und was plant ihr?

„Die Tour läuft bis Oktober“, sagen die beiden. Danach wollen sie entweder nach Berlin oder Toulouse zurückkehren. „Im Sommer stehen Festivals auf dem Plan, im Winter eher Varieté.“ Beide arbeiten außerdem an eigenen Projekten. „Sebastian bringt seine Solo-Show nach Deutschland, und ich habe eine Solo-Streetshow entwickelt“, sagt Milena. Gemeinsam planen sie zudem einen Varieté-Act mit akrobatischem Fahrrad.

Was gebt ihr jungen Künstlerinnen mit?

Sebastian rät: „Sich nicht in festen Formen zu verschließen.“ Milena betont: „Nah an der eigenen Intuition arbeiten.“ Wer viel ausprobiert, merkt mit der Zeit, „wo seine Stärken liegen“ und genau dort sollte man dann weitermachen. „Man sollte einfach rausgehen, neue Kontexte suchen und sich selbst anders erfahren“, sagt Milena. Sebastian ergänzt:

„Wenn etwas zu dir passt, arbeite dann mit vollem Einsatz dafür, und es wird auch klappen.“

Gespannt bleiben

Mit diesen ermutigenden Worten bedanken wir uns bei Milena und Sebastian. Wir wünschen ihnen in Zukunft viel Erfolg bei ihren weiteren Projekten. Wenn du Cie Balades Perdues live erleben möchtest, kannst du sie ganz einfach über eventartists.com anfragen.

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